Viele deutsche Loipenasse, allen voran die Biathleten Andreas Birnbacher, Simon Schempp oder Miriam Gössner, sind
Publikumslieblinge mit hohen Einschaltquoten im Fernsehen. Das zieht so manch einen im Winter auch vor die Tür: Das sieht so klasse aus, das will ich auch probieren. So schwer kann das doch nicht sein, oder? Und ein paar alte Latten stehen sogar noch im Keller. Doch schon nach den ersten Versuchen geht vielen die Puste aus. Die Schuppenski surren und gehen gehörig auf die Nerven, statt geschmeidiger Bewegungen zeigt das anstrengende Gekrampfe die Grenzen auf.

Peter Schlickenrieder, Silbermedaillengewinner von Salt Lake City, hat diese Situati- on schon unzählige Male erlebt und den Be- troffenen schnell zu ihrem Glück verholfen. „Oft reicht schon eine Stunde Anleitung, um aus dem Tal der Tränen zu gelangen. Man braucht kleine Erfolgserlebnisse, damit man die wirklich vorhandenen Hürden auch meistert. Ein Kurs ist dafür das A und O. Anfängerfehler werden von vornherein vermieden, Bewegungsabläufe ökonomisiert. Im Grunde ist man ab der ersten Minute auf der Gewinnerspur. Das gilt vor allem für die technisch anspruchsvollere Variante des Skatings“, so Schlickenrieder.

 

OW: Fangen wir doch einfach mal ganz vorne an. Irgendwie muss man sich ja schon am Anfang für den Stil entscheiden: klassisch oder Skating?

PS: Richtig, das wirkt sich ja auch auf die Ausrüstung aus. Der klassische Stil ähnelt ja irgendwie dem Spazierengehen und ist für den Anfänger leichter zu erlernen als das Skating. Im höheren Leistungsbereich kehrt sich das um, da ist der klassische Stil dann etwas komplexer. Im guten Fachgeschäft sollte die kompetente Beratung zum richtigen Stil führen. Da geht es um den eigenen sportlichen Anspruch und die Vorkenntnisse. Wer athletisch veranlagt und dem Kraft-Ausdauer-Sport zugeneigt ist, eignet sich fürs Skating, vor allem wenn für den Schlittschuhschritt entsprechende Bewegungsmuster bereits eingeübt sind. Schlittschuhlaufen, Inline-Skaten sind ideale Vorbereitungsmöglichkeiten fürs Skaten. Wer nur ein paar Mal im Jahr durch den Park oder ums Haus auf Ski spazieren gehen möchte, kann den klassischen Stil wählen.

OW: Und wenn man sich selbst nicht so genau kennt? Gibt es weitere Anhaltspunkte?

PS: Durchaus! Läufer und Jogger tendieren eher zum klassischen Stil, Fitness-Sportler oder vielseitig ambitionierte Freizeitsport-
ler eher zum Skating, da sie gewohnt sind, koordinative Aufgabenstellungen zu meistern. Langstreckenläufer tun sich schwer, sich von der gekippten gleitenden Kante abzustoßen.

OW: Wer sich fürs Skaten entscheidet, macht vermutlich auch den Verkäufer glücklich?

PS: Nun ja, die klassische Ausrüstung gibt es im Package schon für unter 400 Euro. Das reicht dann auch für Gelegenheitsläufer. Wer sich in den Sport vertiefen möchte, kauft gute Markenprodukte. Die halten länger und machen schlichtweg mehr Spaß. Beim Skating sollte man tatsächlich zu hochwertigem Material greifen. Das betrifft vor allem die Schuhe. Die müssen bequem und steif zugleich sein, sonst bekommt man keinen Druck auf die Kante und das Skaten wird schnell zur fruchtlosen Quälerei. Bei einem schlechten klassischen Ski mit Schuppen ist das Grauen vorprogrammiert. Die labbrigen Latten surren bei jedem Schritt, bis dir die Ohren abfallen. Der neue Hit heißt Skintec. Das alte Prinzip in neuer Verarbeitung ist eine Schau.

OW: Da hat sich ja einiges getan in den vergangenen Jahren.

PS: Salomon hat damit angefangen, jetzt bieten es alle Hersteller an. Es gab schon vor 30 Jahren den Versuch, Felle für Anstiege beim klassischen Stil zu nutzen. Das war technisch nicht ausgereift. Heute lässt man einen Fellstreifen in die ausgesparte Mittelpartie des klassischen Ski ein. Das ist absolut wartungsfrei und funktioniert phänomenal. Ich war damit auf dem Wasalauf unterwegs und schneller als mit jedem Wachsski. Außerdem ist der richtige Umgang mit Steigwachsen, den sogenannten Klisterwachsen, relativ anspruchsvoll. Skintec ist einfach perfekt für den Spaß am klassischen Stil und hat zu einer wahren Renaissance dieser wunderbaren Fortbewegungsart geführt. Etliche Top-Reviere wie das Tannheimer Tal spuren daher schon wieder einige Kilometer mehr für Läufer im klassischen Stil. Das Wachsen der Skating-Ski beschränkt sich von jeher auf den Gleitbereich und ist damit etwas einfacher.

OW: Gibt es noch weitere Entscheidungshilfen?

PS: Natürlich kann man auch beides ausprobieren und sich im Laufe der sportlichen Weiterentwicklung dann überlegen, ob man sich für einen Stil entscheidet oder je nach Situation den einen oder anderen Stil wählt. Gerade die Abwechslung der Techniken erhöht den Trainingsreiz und bringt Spaß. Dabei ist die klassische Technik bestens geeignet, um verstärkt das Herz-Kreislaufsystem zu trainieren. Mit dem muskulär etwas anspruchsvollerem Skatingstil kräftigt man vor allem die wichtige Hüft-, Gesa?ß- und Rumpfmuskulatur.

OW: Wie sieht es mit dem Verhältnis von Kraft und Technik aus?

PS: Das hatte ich bereits eingangs betont. Ein Kurs ist immer hilfreich, denn eine gute Technik spart eine Menge Kraft. Dabei ist das Verhältnis von Kraft und Technik bei den beiden Stilen umgekehrt: Beim klassischen Stil brauche ich vor allem Gleichgewicht, Koordination, Ausdauer und Technik um dies in ein dynamisches Vorwärtsgleiten zu verwandeln. Beim Skating ist es umgekehrt: Ohne Technik wird es schnell eine Schinderei, da helfen Kraft und Ausdauer nur bedingt weiter.

OW: Also startet man am besten mit einem Kurs. Gibt es da Unterschiede?

PS: Wir haben durch den Skiverband, den Skilehrerverband und das Übungsleiterwesen in Deutschland hervorragende Voraus- setzungen. Die sind alle so gut geschult, dass ein Kurs mit höchster Wahrscheinlichkeit nach wenigen Stunden die nachhaltige Freude am Langlauf sichert. Klar, jeder Anfänger schielt neidisch auf die Könner und diese ästhetische Dynamik. Aber wer drei Tage mal unter guter Anleitung in einem Trainingscamp das Langlaufen gelernt hat, dem hüpft das Herz vor Freude, wenn sich die Schneedecke im Dezember schließt.

OW: Wir brauchen noch die richtige Bekleidung.

PS: Das ist nicht so einfach, denn wir haben es mit Extremen zu tun: Abfahrten, bei denen es uns kalt um die Ohren pfeift, Anstiege, die uns gehörig ins Schwitzen bringen, Schattenpassagen mit minus zehn Grad und dann wieder pralle Sonne mit plus zwanzig Grad. Also auf alle Fälle keine Regenbekleidung, keine Dreilagenjacken. Es darf nichts scheuern und alles muss sehr atmungsaktiv sein. Ich empfehle sehr gute Funktionswäsche für den Feuchtigkeitstransport und drüber dann die eng anliegende Langlaufjacke oder den Langlaufanzug. Baumwolle am Körper ist bei dieser Sportart kontraproduktiv.

OW: Wie findet man denn geeignete Langlauf-Reviere?

PS: Ein gutes Langlaufgebiet stellt hohe Anforderungen an die Betreiber. Ausgebildetes Personal muss mit Spurgeräten regelma?ßig die Loipen präparieren, es sollten schon einige Kilometer zusammenkommen und das Gebiet sollte hoch gelegen, also schneesicher sein. Das Tannheimer Tal ist sicher ideal, Oberstdorf hat schöne Loipen, Bayerischzell, Kreuth oder Klingenthal. Schön ist dann noch eine spektakuläre Umgebung, ein gutes Hüttennetz für den Genussaspekt. Da kommen dann Regionen wie das Pustertal, Cortina, Toblach in Frage, vor allem auch Höhenlagen wie Karerpass und als wirkli- cher Traum-Tipp der Passo Lavaze über Cavalese im Trentino. Die haben in den letzten Jahren sehr viel für den Langlauf getan und sogar ein Verbundnetz geschaffen mit dem SuperNordicSkipass, einem sehr attraktiven Verbundnetz für Langläufer.

OW: Wie sieht es denn hierzulande mit dem Langlauf-Fernwandern aus, also mit dem Nordic Cruising?

PS: Das hat sich bei uns nicht wirklich etabliert, weil uns die typische Weite Skandinaviens fehlt, die den Reiz dieser Sportart ausmacht. Es gibt bei uns nur zwei solcher Strecken, die in diese Richtung gehen: Die Bayerwaldloipe führt auf 150 Kilometern vom Arber durch den Nationalpark zum Dreisessel. Und die 200 Kilometer lange Skimagistrale Erzgebirge. Die Kammloipe verläuft von Schöneck im Vogtland bis nach Altenberg im Osterzgebirge. Das Skitrekking in Skandinavien entwickelt da einen ganz eigenen Reiz und ist sicherlich der Traum jedes Langläufers. Einmal auf der Trolloipe quer durch das Rondanegebirge in Norwegen laufen, einmal auf dem Kungsleden durch Schweden laufen! Hundert Kilometer durch die Weite Lapplands von Hütte zu Hütte, teilweise mit Sauna, das ist ein Traum, den ich mir in diesem Winter persönlich erfüllen werde.

OW: Viel Freude dabei.

Grundausrüstung Langlauf
Peter Schlickenrieder zeigt die Vielfalt des Langlaufs und natürlich auch des Materials. (v.l.) Etwas breitere und mit Stahlkanten bestückte Ski, stabile Schuhe und kurze Stöcke sind für das Skiwandern über ungespurtes Gelände wie es in Skaninavien üblich ist am besten geeignet. Die typischen Klassikski sind ca. 195 - 210 cm lang, schmal und sehr leicht. Die Stöcke dazu reichen bis zur Schulterhöhe. Schuhe sind meist nur knöchelhoch und haben gute Abrolleigenschaften. Im Gegensatz dazu sind die Skatingschuhe sehr steif und bieten hohe Seitenstabilität. Die Skatingski sind ca. 185 - 195cm lang und die Stöcke sind lang und reichen vom Boden bis zum Kinn oder Nasenspitze.
Skilanglaufen ist in den letzten Jahren zu einem Boomsport geworden, der immer neue Anhänger findet. Fritjof Nansens Buch »Auf Schneeschuhen durch Grönland« (1891) löste eine erste Welle der Begeisterung für die neue Bewegung aus.

 

PETER SCHLICKENRIEDER stellt in seinem überarbeiteten Buch darüber hinaus viele wertvolle Informationen zur Verfügung.
Peter Schlickenrieder, Ulrich Pramann: Skilanglauf für Einsteiger, Südwest Verlag, 112 Seiten, 14,99 EUR
Dabei geht es um die Ausrüstung, leichte Aufwärmübungen, Einführung in die unterschiedlichen Stile, die richtige Vorbereitung auf die Saison, eine Exkursion in die gesundheitlichen Aspekte und einen ausführlichen Anhang mit vielen Kontaktadressen und Informationen rund um richtiges Verhalten in Loipe und Umwelt.

Wer sofort loslegen will, findet auf folgenden Seiten Infos zu Material und Loipen:
www.loipenportal.de, 
www.xc-ski.de