Die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel, Rinnsale laufen aus dem Eis, versammeln sich in der fast ebenen Geschiebefläche zu einem wattähnlichen See und plätschern als kleiner Bach in Kaskaden talauswärts. Wir stehen nahe des Ursprungs der Isel und das Umbalkees reflektiert die Sonne so stark, dass wir Gletscherbrillen tragen müssen. Unser Blick schweift über die Grate und Gipfel, wir lauschen den Naturgeräuschen und genießen diesen einsamen Augenblick in dem gewaltigen Kessel einer ursprünglichen Berglandschaft. Mathias Berger ist mein Begleiter auf diesem faszinierenden Ausflug. Immer wieder füttert mich der Nationalparkranger mit Eindrücken und Informationen, reicht mir das große Fernglas und deutet nach oben: »Unterhalb des Grats, rechts vom Schneefleck steht ein Rudel Gämsen, hast sie?« »Nein, ich seh’ nix!« lautet meine stereotype Antwort, bis sich das Tier bewegt und mir bildfüllend den Atem raubt. Man sieht nur, was man kennt. Vermutlich dauert es Jahre, bis man den Reichtum der Umgebung so wahrnehmen kann, den Serpentin, den Grünschiefer, den Glimmerschiefer.

Dazu gehört auch die reichhaltige Alpenflora: Gletschernelkenwurz, Gletscherhahnenfuß, Steinbrech, einblütiges Hornkraut, stengelloses Leinkraut, Alpenlein – Nationalparkranger Berger kennt alle Pflanzen, Blumen, Moose und erklärt mir das Wachstum von Thamnolia vermicularis, der Totengebeinflechte. Das klingt sehr akademisch, aber in der freien Natur wird es zu einer spannenden Exkursion. Auch wenn allein im hinteren Umbaltal fast 100 Stück Steinwild stehen, zu sehen bekommen wir sie nicht. »Sie wandern in entlegene Winkel, kleinste Seitentäler, leider auch die Schafe, die hier oben den Sommer verbringen. Morgen beginnt der Almabtrieb und da werden einige Hirten ins Schwitzen kommen, wenn sie die verstiegenen Viecher vom Berg holen müssen.«

Wir stehen inzwischen an der Gletscherzunge des Umbalkees, wo die Isel, einer der letzten unverbauten Wildflüsse der Alpen, ihren Ursprung hat. Das Wasser ist weiter talwärts etwas milchig vom Geschiebetransport, doch als Ranger Mathias die Zahlen nennt bin ich beeindruckt: Es sind Tonnen an Sand und Geröll, die ins Tal befördert werden und letztlich auch die Landmassen um Lienz eingetragen haben. »Genau betrachtet ist die wilde Isel nichts anderes als die Herzschlagader Osttirols«. Wir steigen über Blockwerk wieder zur Clarahütte ab, die seit 2016 neue Pächter hat. Das polnische Ehepaar Kasia und Andrzej Pawlus führt die Hütte so ausgezeichnet und verwöhnt die Gäste derart exzellent mit Spezialitäten und guter regionaler Küche, dass sie per Mundpropaganda floriert. Vor fünf Jahren durch eine Lawine arg beschädigt, ist die Clarahütte mit ihrem modernen Nebengebäude nun ein komfortabler Stützpunkt für große hochalpine Bergtouren mit Zweibettzimmern, WLAN und Kartenzahlung! Why not?

Die ersten Schafhirten sind auf der Hütte eingetroffen und sitzen mit Nationalparkranger Mathias Berger am Tisch, um die letzten Standorte zu erfahren, die wir heute gemeinsam registriert haben. Ich folge dem Lauf der Isel, die immer mehr Wasser von Seitenarmen einfängt und zusehends gewaltiger wird. Beim Natur-Kraft-Weg Wasserschaupfad »Umbalfälle« angekommen ist sie ein tosendes Spektakel, von Aussichtskanzeln mit Infotafeln eindrucksvoll zu erleben. Irgendwann haben diese Eindrücke auch Thomas Zimmermann gepackt. Als leidenschaftlicher Kajakfahrer und Geschäftsführer eines Outdoorladens in Lienz hatte er auf der Isel paddelnd die Idee, auf Youtube mit »Die ISEL – Puls des Ursprungs« ein kleines Video-Denkmal zu setzen. Er erwähnte die Idee gegenüber Freunden wie dem Filmer Christian Riepler und dem Fotografen Daniel Egger. Diese waren von der Idee begeistert und ein großes Filmprojekt wurde im Nationalpark und mit der Isel umgesetzt. Am Fluss der Isel zeigt sich der Pulsschlag der hochalpinen Region. Die 57 km lange Reise des Gletscherflusses endet in der Sonnenstadt Lienz. Inmitten des Nationalparks Hohe Tauern entspringt er aus der Gletscherzunge des eisigen Umbalkees auf 2500 m Seehöhe. Auf dem Weg durch sämtliche spektakuläre Höhenstufen vom Nordwesten bis zum Südosten Osttirols nimmt die Isel zahlreiche Zuflüsse auf. Nicht nur als Darsteller im neuen Iselfilm genießt der weltberühmte Extrembergsteiger Steve House mit seiner Frau ihre zweite Heimat. Die beiden genießen und schätzen das Leben im Einklang mit den Bergen. Vor allem den Nationalpark schätzt House als etwas ganz besonderes weil es keine Aufstiegshilfen und Straßen gibt. Daher sind hier viel weniger Menschen unterwegs und man kann zum Beispiel dort oben am Umbalkees im Einklang mit der imposanten Naturlandschaft leben und die Natur richtig spüren. Steve House beschreibt im Film den Nationalpark und die imposante Eislandschaft als Gefühl der Unendlichkeit. Das Filmdenkmal ist die schönste Einladung, die Isel hautnah zu erleben.

Im Nationalparkhaus Matrei angekommen, erklärt uns Florian Jurgeit die Kernaufgabe der Mitarbeiter, Wissenschaftler und Ranger: konservieren und kommunizieren. Er ist für das Geoinformationssystem und die Nationalparkplanung zuständig. »Wir wollen Wissen vermitteln und so für die verträgliche Nutzung unberührter Natur werben. Niemand soll ausgeschlossen werden, weder Bergsteiger noch Jagd oder Forst. Als vor etlichen Jahren Bartgeier an Bleivergiftung starben, führten unsere Untersuchungen zur Jagdmunition. Die inzwischen übliche bleifreie Munition ist das Ergebnis dieses Miteinanders von Jagd, Wissenschaft und modernster Materialforschung. Wir schützen bedrohte Tierarten und staunen über neue Erkenntnisse wie die Flugroute unserer gechipten Bartgeier: Von den Tauern über Slowenien in den Golf von Triest, weiter zum Golf von Genua und in die südfranzösischen Seealpen«, sagt Jurgeit. Dann wird auch für den erfahrenen Wisssenschaftler das aufgeschlagene Buch des Nationalparks Hohe Tauern spannender als jeder Krimi. (lb)


NATIONALPARK HOHE TAUERN

ZAHLEN
Gesamtgröße: 1.856 km², davon 1.198 km² Kernzone; Naturzone: 880 km²; Gründung: 1981 (Kärnten), 1984 (Salzburg), 1992 (Tirol); Gletscherfläche: ca. 10%

SEHENSWERT
Wasserschaupfad Umbalfälle. Die Wanderung am Natur-Kraft-Weg Umbalfälle dauert etwa zwei bis drei Stunden bei ca. 240 m Höhenunterschied.

AUSGANGSPUNKT
Parkplatz Ströden hinter Prägraten Übernachtungsmöglichkeit auf der Clarahütte – Möglichkeit Fortsetzung der Wanderung bis zum Gletscher (anspruchsvolle Wanderung – geführte Tour empfohlen)

Nationalparkhaus Matrei,
Kirchplatz 2,9971 Matrei in Osttirol
Tel. +43 (0) 48 75/51 61 10
nationalparkservice.tirol@hohetauern.at
www.hohetauern.at
http://nationalpark.osttirol.com